Generationen. MEHR PUBERTÄT WAGEN.

Unternehmen wollen heute alles Mögliche sein: hip, verlässlich, effizient, innovativ und cool. Nur pubertär wollen sie auf keinen Fall rüber kommen. Wie schade! Von der chaotischen Jugend könnten sie einiges lernen.

Hormone fluten die Blutbahnen. Auf Befehl des Hypothalamus setzt eine benachbarte Drüse Botenstoffe frei. Milliarden Nervenverbindungen wachsen zu einem Hochgeschwindigkeitsnetzwerk heran. Unser Gehirn verwandelt sich in eine Großbaustelle. Der gesamte Körper organisiert sich neu. So beschreibt die Medizin, was mit uns und unserem Körper während der Pubertät passiert. Während jener Lebensphase zwischen etwa zwölf und 18 Jahren also, in der aus Kindern junge Erwachsene werden, in der sich eine erste Vorstellung von der Welt dort draußen formt. Es ist eine Phase, die geprägt ist von inneren Konflikten, von Rebellion und Unsicherheit. Die aber gleichzeitig grenzenlose Freiheit verheißt. Und mit dem Versprechen aufwartet, dass alles möglich ist: losgelöst von Kontrolle, Überwachung und Konvention.

Gleichzeitig wächst unser Charakter heran. Die neuen Verdrahtungen im Gehirn stecken den Rahmen ab für unsere spätere Persönlichkeit, unser Ich-Bewusstsein und unser Verhalten in der sozialen Realität. Verhaltensmuster, die uns unser gesamtes Leben prägen werden, entstehen zwischen Hausaufgaben, der ersten Zigarette und dem ersten Alkoholabsturz. Kein Wunder, dass diese stürmische Zeit unzähligen Erzählungen, Ratgebern, Filmen und Theaterstücken als Grundlage dient. Dass sie Bücher füllt und komplette Forschungsstellen mit Arbeit versorgt. Dass sich kaum jemand findet, der nichts über sie zu sagen hat.

Nur in einer Sphäre ist die Pubertät seltsam unterrepräsentiert: Was die Ökonomie über sie denkt, wie sich Unternehmen in dieser Phase verhalten, das ist erstaunlich wenig erforscht. Auf der Suche nach Antworten stößt man irgendwann auf einen kaum bekannten Coach, der auf seiner Website ein paar Zeilen über das Thema schreibt. Man findet Bücher, die schon deutlich mehr als nur ein paar Jahre alt sind. Und man erhält von kurz angebundenen Wirtschaftsprofessoren die knappe Antwort, dass sie zu dem Thema leider wenig beizutragen hätten. Es ist eine merkwürdige Stille, die sich da in der Wirtschaft über die unternehmerische Pubertät gelegt hat.

Ein Erklärungsansatz für die Sprachlosigkeit könnte der Mangel an pubertären Unternehmen sein. In der medialen Wahrnehmung kommen vor allem blutjunge Start-ups oder steinalte Traditionskonzerne vor. Dazwischen herrscht größtenteils Leere. Zudem überspringen viele Unternehmen ihre Pubertät schlicht. Nach ein paar Jahren lassen sich Start-ups von alten Riesen aufkaufen. Anschließend gehen sie in deren Konzernstrukturen auf.

Jedoch: Google wurde am 4. September 1998 gegründet. Der Name Tesla tauchte zum ersten Mal am 1. Juli 2003 als Unternehmenstitel auf. Und Mark Zuckerberg legte den Grundstein für Facebook im Februar 2004. Google ist also 20 geworden, Tesla noch keine 17 und Facebook gerade einmal 15 Jahre alt. Inmitten ihrer Pubertät stellen diese drei Unternehmen trotzdem seit Jahren die Leitplanken für unsere Zukunft auf. Die Produkte dieser Halbstarken verändern unsere Welt. Müsste das Interesse der Wissenschaft nicht gerade da besonders hoch sein?

So gelangt man zu einer zweiten möglichen Erklärung. Sie ist ein wenig unbequem für die Wirtschaftswelt, denn sie hat mit Verdrängung zu tun: Könnte es sein, dass Unternehmen einfach nicht so gern über ihre Jugend und Pubertät sprechen wollen? Weil die Unordnung dieser Phase für sie ein großes Gefahrenpotenzial birgt? Weil Fehlentscheidungen getroffen wurden, es drunter und drüber und auch mal danebenging? Weil das ganze Tohuwabohu dieser Jahre nicht zum Versprechen von Verlässlichkeit, Effizienz und einem vorhersehbaren Return of Investment passt?

In den wenigen Beiträgen, die sich zu unternehmerischer Pubertät finden lassen, taucht die Jugend denn auch als unangenehme Hürde auf. Als Gefahr, die es ohne größere Kollateralschäden zu überstehen gilt. Auf LinkedIn erteilt Saira Demmer, HR-Chefin eines Beratungsunternehmens, Ratschläge wie man die unternehmerische Pubertät „überlebt“. Laut Demmer ist sie „die größte Herausforderung“ für die meisten kleinen und mittleren Unternehmen während ihrer Wachstumsphase. Lösungen für die neuen Probleme während dieser Phase zu finden, könne „emotional und schmerzhaft sein.“

Einen ähnlichen Ton schlägt der Gründer John Warrillow an. In einer kanadischen Zeitung erzählt er von der Pubertät seines Start-ups: „Die Qualität unserer Arbeit nahm ab, wir fingen an, Termine zu verpassen, und wegen der Nähe zu meinen Mitarbeitern hatte ich meine Autorität verloren.“ Manchmal habe es sich angefühlt, als würde er einen Schritt vorwärts und dann zwei zurückgehen, schreibt Warrillow. Als er einem befreundeten Berater von seinen Erfahrungen erzählte, hatte der wenig Trost für ihn parat. So wie jedes Kind durch die Jugend gehen müsse, bleibe auch jedem Unternehmen die Zeit im „Wildwasser“ nicht erspart.

Wildwasser, schmerzhafte Transition, pures Überleben: Angesichts solcher Innenansichten über die unternehmerische Pubertät, wundert es kaum, dass man lieber wenig über sie spricht. Eine Zeit zum Vergessen! Eine Phase, die man am besten schnell überspringt. Wie schade! Gerade von der chaotischen, manchmal wilden und im Denken befreiten Jugend könnten viele Unternehmen einiges lernen. Natürlich: Da sind die Fallen, in die jeder während der Transformation vom Kind zum Erwachsenen mal tritt. Und ja: Risikoaffinität, die Gier nach schnellen Belohnungen, das Unterschätzen von Gefahr gehören zu dieser Lebensphase dazu. Aber ist man nicht gleichzeitig auch wissbegierig, absolut unvoreingenommen und empfänglich für kollektiven Erfolg?

Es sind gerade solche Tugenden, die auch dem ein oder anderen Unternehmen guttun würden: Neugierde statt Tradition, Aufbruch statt Routine, Innovation statt Stillstand. So wie sich beim Menschen das Gehirn neu ausrichtet, könnten auch Unternehmen ihre Organisationsstruktur einer Generalüberholung unterziehen. So wie sich beim Menschen der Charakter formt, könnten auch altgediente Konzerne noch einmal an ihren Verhaltensweisen und Eigenarten feilen. Die Pubertät könnte so für viele Industrien als Denkanstoß statt Schreckensszenario herhalten. Als Blaupause für eine neue Kultur der Innovation und Kreativität. Frei von Kontrolle, Überwachung und Konvention.

Die deutsche Autoindustrie ist ein Beispiel: jahrzehntelang der Primus der Wirtschaftsrepublik, jahrzehntelang der Treiber von Wachstum, Fortschritt und Innovation. Irgendwann aber verlor der Musterschüler seinen Drive. Er wurde träge, zaghaft, war zunehmend besoffen vom eigenen Erfolg. Und übersah so, wie elektronische Antriebe und künstliche Intelligenz sein Erfolgsrezept in Bedrängnis brachten. Statt sich wie ein wissbegieriger Jugendlicher über die neuen Techniken herzumachen, verharrte die Industrie einem erfahrenen Großvater gleich in der Beobachtungshaltung. Schließlich gelangte sie zu dem Schluss, dass die jungen Technologien gegen die eigene jahrzehntelange Erfahrung schon nichts ausrichten würden.

Zur gleichen Zeit trat Tausende Kilometer entfernt, in Kalifornien, ein frecher und ungezügelter Südafrikaner hervor. Er rief siegessicher das Zeitalter der Elektromobilität aus. Mit vollem Risiko, tollkühn und einer ordentlichen Portion Wahnsinn steckte dieser Typ Milliarden Dollar in fußballfeldgroße Batteriefabriken inmitten der Wüste. Ohne die langfristigen Folgen absehen zu können, investierte er ohne mit der Wimper zu zucken ähnliche Summen in die Lade-Infrastruktur für seine Fahrzeuge. Während die Auto-Bosse in Europa nur sanft über den jugendlichen Leichtsinn lächelten, verkrallte sich dieser Typ stur in seine Vision. Er heißt Elon Musk. Und mittlerweile lächelt er öfter als die alten Diesel-Manager.

Natürlich hätte es und kann es noch immer in einer Pleite enden für Tesla und Elon Musk. Die Milliarden wären weg, Tausende Menschen ohne Job sowie unzählige Anleger und Fans verprellt. Seine Wette auf seine Zukunft könnte platzen, wenn seine Wettbewerber sich berappeln und aufholen würden. Oder aber er demontiert sich selbst durch sein seltsames Verhalten: Mitte 2018 schockierte der Unternehmer mit einem kuriosen Interview in der New York Times. Später brachte er die US-Börsenaufsicht mit einem so leichtsinnigen wie arroganten Tweet gegen sich auf.

Und doch zeigt Musk, welche Kraft aus pubertärem Verhalten entspringen kann. Welche Kreativität, welcher Mut, welcher Wille zur Veränderung. Wie wäre es also, den jugendlichen Elan, diese Power und Unbekümmertheit mit der Erfahrung und dem Wissen traditionsreicher Konzerne und Industrien zu vereinen? Eine Symbiose zu bilden aus Tatendrang und Weitblick. Aus chaotischen Visionen und Know-how. Sich also wirklich noch einmal einzulassen auf ein Experiment namens Pubertät. Und so tatsächlich etwas Neues zu wagen statt bloß den Anzug auszutauschen gegen Jeans und Jackett.

Eine gründliche Überlegung zumindest ist das wert. Denn am Ende könnten Unternehmen aus so einem Prozess ganz ähnlich heraustreten wie ein junger Erwachsener aus der Pubertät: gestärkt, kraftvoll und voller Ideen.