Generationen. Idole.

Idole können große Gefühle auslösen und ganze Hallen zum Kreischen bringen. Aber gibt es heute überhaupt noch das klassische Idol? Und wie sehen Idole der Zukunft aus? Eine Glosse.

Als Teenager schwärmte ich für eine Band, deren Leadsängerlange Ponysträhnen trug, die ihm immer total süß in die Augen fielen. Auch die anderen Bandmitglieder hatten tolles Haar. Man hätte sie fast für eine Vertreterriege der Friseurinnung mit musikalischer Begleitung halten können. Mein innigster Wunsch war es damals, den Sänger einmal mit eigenen Augen zu sehen, anstatt nur auf dem BRAVO-Poster in meinem Zimmer. Zwanzig Jahre später war ich zum Abendessen in ein hippes Londoner Restaurant eingeladen, als der mittlerweile Ex-Sänger plötzlich durch die Tür trat. Ein Begleiter hatte mich diskret darauf aufmerksam gemacht, sonst hätte ich ihn wohl nicht erkannt. Die Ponysträhnen waren verschwunden und er befand sich in Begleitung einer jungen Frau, die ich zunächst für seine Tochter hielt, bis er ihr mitten im Restaurant die Zunge in den Hals steckte. Später schrie er eine Kellnerin an, weil sie ihm den falschen Wein gebracht hatte. Rückblickend bin ich froh, dass ich nicht früher herausgefunden habe, was für ein mieser Typ der von mir ehemals Angebetete eigentlich ist. So hatten wir doch wenigstens ein paar schöne Jahre miteinander – in meinem Kopf.

Die exzessive Fanliebe gehört fest zum modernen Teenager, wie das „Keep Out!“-Schild an der Zimmertür oder das heimliche Rauchen auf der Schultoilette. Die Verehrung für das Idol nimmt dabei oft breiten Raum in der Gefühls- und Gedankenwelt von Jugendlichen ein: Sie führen imaginäre Probebeziehungen, deren Regeln sie selbst bestimmen können. Natürlich könnte man jetzt argumentieren, dass Idole eigentlich Vorbilder sein sollten. Wie egal sind da eigentlich Frisuren?

Müssten nicht gerade junge Menschen sich Leitbilder suchen, die nicht nur einsame Knutschfantasien inspirieren, sondern engagiertes und selbstloses Handeln vorleben? In einer idealen Welt mag es Teenager geben, die sich Poster von Ghandi, Karl Marx oder Angela Davis übers Bett tackern und ihre Freizeit dafür opfern, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Aber, wie das kleine Beispiel oben zeigt, haben Stars im echten Leben eigentlich nichts zu suchen. Sie existieren am wirkungsvollsten in einer Hochglanz-Photoshop-Realität, die als Projektionsfläche für ganz profane, höchst narzisstische Wunschvorstellungen dient und die mit unserem Alltag ungefähr so viel zu tun hat, wie ein Ausflug nach Disneyland.

Auf breitenpsychologischer Ebene müssen Idole deshalb vor allem normschön, cool und reich sein. Drei Eigenschaften, deren Begehrlichkeit uns das Konsumzeitalter beim Scrollen durch die Timeline jeden Tag schon zum Frühstück aufs Butterbrot schmiert. Damit Menschen zu Idolen werden können, braucht es die suggestive Kraft der Massenmedien, die Bilder von Gesichtern, Körpern, Gesten und Posen hunderttausendfach in unser Bewusstsein stanzen. Jede Zeit hat ihre Darstellungs- und Konsumformen, die eigene kulturtypische Phantome hervorbringen.

Bis in die 1950er Jahre waren es das Kino und die großen Hollywood-Schauspieler und -Schauspielerinnen, die die Fantasien des Publikums beherrschten. Die Presse war noch ein streng regulierter Eliteclub, sodass keine unvorteilhaften Tatsachen an die Öffentlichkeit drangen. Stars waren Stars – Kunstfiguren von übermenschlicher Perfektion.

Etwas nahbarer wurde der Starkult dann ab den 1960er Jahren: Der Rock’n’Roll bestimmte das Lebensgefühl und die Schallplattenindustrie und das Fernsehen taten ihr Übriges, um den neuen Star-Typus des unangepassten Rebellen verkaufsfördernd zu promoten. Jugendliche eiferten ihren Idolen nach, indem sie sich die Haare wahlweise wachsen ließen oder abrasierten.

In den späten 1980ern und frühen 1990ern entstanden gecastete Bands wie New Kinds on the Block, Spice Girls oder Backstreet Boys. Sie waren Idole, die ganz gezielt aufgebaut wurden, um unterschiedliche Typen von Jugendlichen anzusprechen. Die Bandmitglieder fristeten nicht gerade ein selbstbestimmtes Dasein, sie waren quasi Marionetten ihrer Manager.

Einer, der nicht nur Glück hatte, sondern für seinen Erfolg hart gearbeitet hat: Justin Bieber gehört heute zu den erfolgreichsten Stars weltweit. Seinen enormen Einfluss spielt das Teenie-Idol auf Social Media aus: Mit mehr als 105 Millionen Followern auf Twitter und Instagram gehört er zu den 15 meistgefolgten Stars weltweit. Wie wichtig Social Media ist, lernte Bieber schon gleich zu Anfang seiner Karriere: Er war einer der ersten Stars, die dank der Videoplattform YouTube berühmt wurden.

In den 1990er Jahren galt Techno zunächst als Kultur ohne Idole und verkaufte das Versprechen, dass jeder und jede sich im zuckenden Stroboskop-Licht für eine Nacht in der Masse der Tanzenden auflösen durfte. Später entstand nichtsdestotrotz ein Personenkult um die DJs der Szenen. Diese sind und waren heute genauso berühmt wie Stars anderer Musikrichtungen: Sie heißen Paul van Dyk, Tiësto oder Martin Garrix. Zeitgleich startete das Privatfernsehen durch, was die Hürden auf dem Weg zum Ruhm weiter senkte und moralische Grenzen verschob. Reality-TV wurde geboren und damit eine neue Kategorie von Idolen, deren geringe Halbwertszeit gefühlt analog zur Höhe des IQ sank. Ganz nebenbei weitete sich die Jugendphase in dieser Zeit bis etwa Mitte dreißig aus.

Es ist das Gesetz des Marktes, dass das, was leicht zu bekommen ist, weniger wert ist. Die Digitalisierung und die permanente Verfügbarkeit von Informationen haben dazu geführt, dass der imaginäre Wunschraum, in dem Idole existieren, empfindlich eingeschränkt wurde. Als große Zäsur, sozusagen das 9/11 der Celebrity-Kultur, gilt der öffentliche Absturz von Britney Spears im Jahr 2007. Die glühenden Fans der Popsängerin mussten miterleben, wie deren Leben und damit das Gesetz der Unfehlbarkeit von Medienikonen für immer aus den Fugen geriet.

Auf Entzauberung kann man auf zwei Arten reagieren: mit Zynismus oder mit Trotz. Die kontemporäre Jugend tut auf gewisse Weise beides zugleich. In einer Studie aus dem Jahr 2016 nannte ein Drittel der Jugendlichen zwischen 13 und 17 Jahren einen YouTube-Star als Idol. Die Filter zwischen echtem Leben und Medienbild sind durchsichtig geworden und deren Mechanismen sind bekannt. Es ist unmöglich geworden, noch zwischen wohlkalkuliertem Fehltritt und veritabler Real-Life-Entgleisung zu unterscheiden. Und der Trotz liegt in dem unbedingten Willen, diese unperfekten Wesen weiterhin so bedingungslos zu lieben wie abgewetzte Stofftiere.

Zugegeben: Wer sich als Erwachsener todesmutig in die Welt der populärsten YouTube-Clips vorwagt, verlässt diese nicht selten erschüttert von so viel trivialer Hohlheit und schamloser Konsumgeilheit. Auch in Sachen Geschlechterbilder wird es einem etwas mulmig zumute. Mädchen parlieren aufgeregt über Schminke, Klamotten und Problemzonen, während die Jungs sich als Angeber oder Klassenclowns generieren. Ernste Themen kommen fast nie zur Sprache. Wer mit Klicks belohnt werden will, muss sich vor allem als harmlose Frohnatur präsentieren. Der Typus des wütenden, alles infrage stellenden Teenagers ist genauso passé, wie der des abgehobenen Stars in der Riesenvilla mit Pool.

Beim Alten geblieben ist alles lediglich in dem Punkt, dass die Elterngeneration deswegen auf die Barrikaden steigt. Ü40-Kommentatoren überschlagen sich gerade darin, die neuen Idole zu kleinzureden. Das häufigste Missverständnis solcher YouTuber-Bashings ist es, dass diese nichts können würden. Das ist erstens falsch, weil durchaus viel Talent, Einsatz und Fleiß notwendig ist, um aus der Masse der Kanäle herauszustechen. Und zweitens: Wer hat eigentlich gesagt, dass Idole irgendetwas besonders gut können müssen? Star-Qualität war schließlich zu allen Zeiten etwas, das man hat, nicht etwas, dass man tut. Nico konnte nicht singen, Sid Vicious konnte nicht Bass spielen, Andy Warhol konnte nicht malen, Twiggy und Kate Moss waren eigentlich als Models ungeeignet und Chuck Norris ist ein grottenschlechter Schauspieler. Die Liste ließe sich beliebig lang fortsetzen.

Hinter der Verachtung für YouTube-Stars steckt die schmerzhafte Einsicht, verarscht worden zu sein. Es ist die ehemalige BRAVO-Generation, deren Jugend in den späten 1970er bis frühen 1990er Jahren stattfand und die ihr Taschengeld für die Illusion ausgaben, dass Pop sie für immer befreien würde. Sie wollen einfach nicht einsehen, dass ihre Kinder sie genauso uncool und peinlich finden könnten, wie sie damals ihre eigenen Eltern. Dass Worte wie Plattensammlung und Punkrock oder das Tragen verwaschener Band-T-Shirts den Kids von heute bestenfalls ein mitleidiges Lächeln auf die blasierten Minen zaubern. Es tut weh, wenn man merkt, dass man mit der zeitgenössischen Jugendkultur nicht mehr mithalten kann.

Die Social-Media-Generation von heute beherrscht die Kunst der narzisstischen Selbstvermarktung perfekt. Sie braucht keine mächtigen Plattenbosse oder Filmproduzenten mehr, die sie aus der gesichtslosen Masse herausheben und dabei am stärksten selbst profitieren. Die Regeln des Ruhms haben sich geändert und das ist gut so. Die neuen Stars der Jugend senden direkt aus ihren Kinderzimmern in die Welt.

Nun müssten sie nur noch begreifen, dass die Freiheiten und die Aufmerksamkeit, die die Netzkultur ihnen bietet, nicht nur ein Geschenk sind, sondern auch ein Auftrag. Sie haben Stimmen, um zu sprechen und Körper, die angesehen werden. Dies nicht zu nutzen, um über mehr als den letzten Shopping-Trip oder den letzten High Score beim Zocken zu sprechen, grenzt schon an Unterlassung. Am Ende bekommt jede Generation die Idole, die sie verdient.