Globalisierung und Digitalisierung verändern die Arbeitswelt rasant und grundlegend. Künstliche Intelligenz ist leistungsfähiger als der Mensch, effizient und fehlerfrei. Kann der Mensch da überhaupt noch mithalten? Wir zeigen mögliche Arbeitsszenarien der Zukunft.

„Und was machst du so?"

Auf diese Frage gibt es in Zukunft keine eindeutige Antwort mehr. Erwerbsbiografien sind ständig im Wandel, die Menschen führen viele verschiedene Tätigkeiten aus, anstatt nur einen Beruf zu erlernen. In der Transitionsphase zur Wissensgesellschaft gehören Patchwork-Karrieren, häufige Berufswechsel, ständiges Lernen, Wechsel von einer Arbeitsform in die andere zur Normalität. Die Zukunft der Arbeit bleibt auch morgen noch stark mit dem Thema Bildung verwoben. „Technologische Bildung für nahezu alle Berufsgruppen wird unerlässlich. Wir sollten programmieren lernen, um ein Verständnis für die Algorithmen zu entwickeln und ihnen nicht hilflos ausgeliefert zu sein“, so Wintermann. „Weg vom Erlernen eines Berufs hin zu einer Entwicklung, die sich auf Portfolios von Fähigkeiten und Kompetenzen konzentriert“, fordern daher Experten unisono. Dabei könnten in Zukunft „Bildungs-Portfolio-Optimierer“ oder „persönliche Lerncoaches“ zum Einsatz kommen.

Meeting im Metaversum

Digitale und internationale Teamarbeit gibt es schon heute. In Zukunft arbeiten immer mehr Menschen auf diese Weise. Das erfordert eine neue Kooperationskultur. Hierarchien verschwinden, „Arbeiten und voneinander lernen verschmelzen miteinander“, so die Experten. Präsenzpflicht am Arbeitsplatz ist Schnee von gestern, an die Stelle des Büros tritt das Metaversum, ein kollektiver virtueller Raum. Zum Meeting setzt der Wissensarbeiter die Datenbrille auf und schlüpft in sein digitales Ich. Im virtuellen Konferenzraum, der von „VR-Architekten“ eingerichtet wurde, warten schon die Kollegen-Avatare. „Durch das Arbeiten in virtuellen Teams werden Soft Skills wie Kommunikationsstärke, Überzeugungskraft und Empathie zu wichtigen Kernkompetenzen“, erklärt Wintermann. Um sich in der Virtualität zurechtzufinden, nimmt jeder Wissensarbeiter die Dienste von einem „Metaversums-Coach“ in Anspruch, der den Überblick über alle Tools und Innovationen im Bereich der Virtual und Augmented Reality behält und empfiehlt, welche Anwendungen für die verschiedenen VR-Szenarien am besten geeignet sind.

Der Cobot: Gestatten, Ihr Assistent! 

In vielen Branchen, so prognostizieren Experten, halten Maschinen Einzug in die Arbeitswelt, um den Menschen zu assistieren, nicht, um sie zu ersetzen. KI-Systeme werden immer kooperativer. Schon bald übernehmen die Cobots ungeliebte Routinearbeiten im Büro wie das Sortieren von Akten und das Auswerten von Informationen. Der Mensch hat dann Zeit für Aufgaben, die seine Kreativität und Problemlösungskompetenz erfordern. Was heute noch als nette Zusatzqualifikation gilt, wird in Zukunft zum entscheidenden Vorteil gegenüber dem Digitalkollegen. Vor allem im Bereich der Medizin sind Cobots von großem Nutzen. IBMs Watson zum Beispiel, ein kognitiver Supercomputer mit anspruchsvoller analytischer Software, kann den Arzt bei der Anamnese unterstützen. Er füttert Watson mit Patientendaten und allen wissenschaftlichen Dokumenten zum jeweiligen Krankheitsbild. Dann stellt der Computer auf Basis der Informationen die bestmögliche Behandlungsform zusammen. Auch Operationsroboter sind schon heute Realität. In Zukunft können Ärzte über weite Distanzen hinweg fern operieren und so die medizinische Versorgung auch in dünn besiedelten Regionen sicherstellen. Der „Tele-Chirurg“ hat nicht nur ein medizinisches Studium abgeschlossen, sondern auch Fachwissen in der Steuerung und Programmierung komplexer KI.

Keine Arbeit, aber viel zu tun

Wenn die Arbeitslosenquote durch die Automatisierung drastisch steigt und gleichzeitig die Produktivitätsgewinne ansteigen, bleibt die Frage, wie die Gewinne in der Gesellschaft gerecht verteilt werden, damit sich die soziale Schere nicht weiter öffnet und eine Radikalisierung der Gesellschaft entsteht. Die Experten sind sich einig: Um das zu verhindern, sind neue Wirtschafts- und Sozialsysteme notwendig. Viele sprechen sich deshalb für ein bedingungsloses Grundeinkommen aus. „Nach der Übergangsphase wird ein gänzlich neues System entstehen, in dem zum Beispiel Lohnarbeit überflüssig sein kann oder das Grundeinkommen die meisten Menschen ernährt“, sagt Wintermann. Zu den Befürwortern eines Grundeinkommens gehört auch MIT-Forscher Erik Brynjolfsson. Er sagt, dass das keine marxistische Utopie sei, sondern ökonomisch plausibel. Um Güter zu verkaufen, brauche man eine große, stabile und wohlhabende Mittelschicht. Doch was machen die Menschen den ganzen Tag, wenn sie nicht arbeiten? Und welche Auswirkungen hat das auf ihre Identität? In einer Leistungsgesellschaft, in der einst galt: „Wer rastet, der rostet“ oder „ohne Fleiß kein Preis“, bedeutete der Beruf auch soziale Anerkennung und Sinnhaftigkeit. Viele Menschen werden Hilfe dabei benötigen, sich neue Aufgaben zu suchen, mit oder ohne Einkommen. Dabei könnten sie von sogenannten „Freizeitgestaltern“ und „Beschäftigungsbeschaffern“ unterstützt werden. Diese erörtern und analysieren, basierend auf der Persönlichkeit und den Fähigkeiten jedes Einzelnen, mögliche Tätigkeitsbereiche und vermitteln ihre Kunden in die Praxis. So kommt garantiert keine Langeweile auf.

Maschinen und Moral

Algorithmen sind allgegenwärtig. Die mathematischen Formeln zeigen im Navi den kürzesten Weg zur Arbeit, regeln die Stromversorgung, empfehlen Serien bei Netflix oder den Lebenspartner. Algorithmen analysieren das Verhalten der Nutzer. Können diese Formeln auch Kontrolle über den Menschen ausüben? Diese These ist umstritten. Sicher aber ist, dass Algorithmen von Menschen gemacht sind. Deshalb fordern immer mehr Experten eine Regulierung und Überwachung der mathematischen Formeln. Denn wenn sie unreflektiert entwickelt oder umgesetzt werden, können sie Schaden anrichten, da sie die Realität verzerren. Deshalb soll es in Zukunft den „Algorithmus- Ethiker“ geben, der die Ziele, die Algorithmen verfolgt, überprüft und sich der Frage widmet: Wie können algorithmische Systeme der Gesellschaft nutzen und wie kann jeder Einzelne von ihnen profitieren?


Eva Bolhoefer

Eva Bolhoefer

ist freiberufliche Redakteurin und lebt derzeit in Barcelona. Von dort aus geht sie immer wieder auf die Suche nach Menschen mit außergewöhnlichen Geschichten.